Wir haben kopiert – So war die Berlin Debate

Der zweite Tag des Berlin Festivals – die erste Berlin Debate. Die große Frage: Bleiben die Festivalbesucher stehen, wenn keine Musik gemacht, sondern über ihren Wert diskutiert wird? Antwort: Ja. Künstler, Labelchefs und Rechtsanwälte debattierten über das Urheberrecht mit denen, die es direkt betrifft – den Festivalbesuchern.

 

Dabei sprachen sich die Teilnehmer der Berlin Debate für ein größeres Miteinander von Fans und Musikern und gegen den grassierende Abmahnwahn aus. Zum Beginn stellte Björn Böhning, Chef der Senatskanzlei Berlin, klar, dass “das Internet nicht die größte Klaumaschine ist, sondern vor allem eine große Chance, um Musik zu verbreiten; gerade für junge Bands und Bands aus der Subkultur.” Er bat außerdem, den regierenden Bürgermeister Berlins zu entschuldigen, der gerade “Flughäfen meide.” Im Anschluss erläuterte Anwalt Dr. Michael Jean Kummermehr im Gespräch mit einem Downloader die Rechtslage. Wie lange “Frank” für 23 GB illegale kopierte Musik ins Gefängnis wandert? Bis zu fünf Jahre Haft drohen, “allerdings werden in der Praxis Downloader vor allem zivilrechtlich mit Abmahnungen verfolgt.”

 

Für eine Reform des Urheberrechts sprach sich Bruno Kramm aus. Der Musiker (Das Ich) und Labelchef ist Urheberrechtsexperte der Piratenpartei. Seiner Meinung nach muss Kultur zuerst frei zirkulieren, erst dann entscheiden Menschen, ob sie es wert ist, honoriert zu werden: “Wenn man eine Band wirklich mag, dann unterstützt man sie auch durch den Kauf von CDs und T-Shirts. Am besten auf Konzerten oder über die Homepage, dabei bleibt am meisten bei den Künstlern hängen.”

 

Johnny Haeusler, Sänger der Berliner Band Plan B und Spreeblick-Blogger, sah den Nutzen der Verbreitung von Musik im Netz: “Alte Youtube Videos helfen uns, dass Leute wieder zu unseren Konzerten kommen. Private Downloads stören mich nicht. Mich regt nur auf, dass illegale Plattformen damit eine Menge Geld verdienen und die Künstler nichts davon abbekommen!”

 

Einhellig begrüßte die Runde legale Alternativen wie Spotify. Der ehemalige Universal-Boss Tim Renner, jetzt Motor Music, wies in der lebhaften Diskussion darauf hin, dass der durchschnittliche Musikkonsument inzwischen 42 Jahre alt sei. Dieser “hat zwar weniger Zeit, aber mehr Geld.” Das Problem mit Spotify & Co. sei aber, dass zu wenig bei den Künstlern ankomme.

 

In Hinblick auf den Streit mit Youtube argumentierte VUT-Justitiar Reinher Karl gegen das populäre GEMA-Bashing: “Das eine ist ein Verein von Autoren, das andere ein milliardenschwerer internationaler Konzern.” Bruno Kramm stellte dem entgegen, dass durch die Auseinandersetzung zwischen GEMA und Youtube mit der einhergehenden Sperrung von Inhalten Musikkonsumenten geradezu in die Arme illegaler Angebote getrieben würden.

 

Als “kriminelle Schattenwirtschaft” bezeichnete Kramm die “Abmahnindustrie”. Auch der Rest der Runde sprach sich gegen diese Praxis aus. Tim Renner forderte zudem: “Bands sollten zuerst gefragt werden, ob in ihrem Namen Fans abgemahnt werden sollen.” So seien Polarkreis 18, die am häufigsten illegal gedownloadete Band des Jahres 2009 geschockt gewesen, als sie von dieser Praxis erfuhren. “Und Geld”, so Renner, “hat die Band vom Label von den Abmahnungen auch nicht erhalten.”
Die erste Berlin Debate 2012 – auch wenn viele Künstler bei dem Begriff Urheberrecht die öffentliche Diskussion scheuen “weil nichts schlimmer wäre, als für uncool gehalten zu werden” – wie es Anwalt Karl formulierte. Das Festival hat mit der Berlin Debate 2012 die Diskussion zu denen gebracht, die sie führen müssen: Künstler und Fans. Auf dem Berlin Festival, keine 6 Kilometer vom Bundestag entfernt.

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